Meine Zeit bei der Eintracht – Roland Benschneider
Sie kamen 2001 von Tennis Borussia Berlin in die Regionalliga Südwest und stiegen mit der Eintracht prompt in die 2. Bundesliga auf. Wie wichtig war die Eintracht für Sie als Zwischenschritt?
Roland Benschneider: Nach einer unglaublich enttäuschenden und schmerzhaften Chaos-Saison bei TeBe Berlin war die Arbeit und mein Leben bei Eintracht Trier ein ganzheitlicher Genesungsprozess. Eine Art wunderbarer Kuraufenthalt. Ja, die Eintracht hat mich geheilt. Als Mensch und als Fußballspieler. Meine Therapeuten waren meine Trainer Paul Linz und Arno Michels sowie wunderbare Teamkollegen wie Keeper Ischdonat, wie Kapitän Kevric, wie Altmeister Thömmes, Dribbelkönig Dragusha oder Toremacher Winkler. Ich befürchte, dass ich nicht alle genannt habe und entschuldige mich hiermit bei ihnen. Ich habe in diesem Verbund, in dieser wahrhaftigen Eintracht, meinen Platz gefunden. Als Linksbeiner im linksseitigen Aktionsfeld. Ja, ich bin die Bahn rauf und runter. Und dies oftmals mit weitaus höherem Tempo als dies aufgrund meiner zwei Meter Körperlänge mitunter ausgesehen hat.
Was waren die Höhepunkte Ihrer Eintracht-Zeit?
Benschneider: Die Premieren-Spielzeit in der 2. Bundesliga war voller Höhepunkte. Ich war inzwischen die Innenverteidigung gerückt. Mit Latinovic und Grzeskowiak standen wir für einen Aufsteiger hinten erstaunlich stabil und vorne sind wir mit Braham und Labak, die unseren Torjäger Winkler ergänzten, auch noch mal gefährlicher geworden. Wir haben tolle Siege gefeiert: Beim 1. FC Köln, bei Eintracht Frankfurt, bei Union Berlin, daheim gegen Mainz 05. Alles gewonnen – nicht schlecht, oder?.
Gab es auch Tiefpunkte?
Benschneider: In Trier? Nein. Ärgerlich waren allenfalls die eine oder andere Niederlage bei uns daheim im Moselstadion vor unserem tollen Publikum. Ich weiß noch, dass wir in Richtung Saisonende leider einen lausigen April gespielt haben. Mit sechs Niederlagen in Folge. Paul Linz war stinkesauer. Denn es hätte am Ende noch mehr herausspringen können als dieser 7. Platz mit 48 Punkten.
Haben Sie noch Kontakte nach Trier?
Benschneider: Es sind allein die großartigen Erinnerungen, die mich auch heute noch mit Trier verbinden. Und selbstverständlich schaue ich immer auf Ergebnisse und Tabellen, um zu wissen, wie es aktuell läuft bei Eintracht Trier.
Sie verließen Trier in Richtung Bielefeld.
Benschneider: „Ich hatte großes Vertrauen in Benno Möhlmann. Der hatte mich schon an meiner Ausbildungsstätte Energie Cottbus positiv wahrgenommen und mich dann nach dem Debakel bei TeBe Paul Linz empfohlen, seinem alten Kumpel aus gemeinsamen Spielertagen bei Werder Bremen. Deshalb konnte ich diese tolle Zeit in Trier erleben. Als Möhlmann nun aufs Neue anrief, war Bielefeld noch in der Eliteliga. Und alle waren optimistisch, dass die Bundesliga auch erhalten bleibt. War ich also auch und unterschrieb. Doch kurz vor Saisonende tauschten Bayer Leverkusen, lange Zeit sicherer Absteiger damals, und Bielefeld im Abstiegskampf doch noch die Plätze. Und Arminia musste runter. Weil Möhlmann dennoch dort Trainer blieb, bin ich trotzdem auf die Alm hingegangen.
Wie lief es in Bielefeld?
Benschneider: „Für mich persönlich recht gut. Möhlmann platzierte mich in den zentralen Abwehrverbund, ich war wie zuvor in Trier eine feste Größe im Team. Es hat mir geholfen, dass ich die 2. Bundesliga bereits recht gut kannte. Doch es hat klubintern viele Reibereien gegeben. Da herrschten Geldmangel und Kompetenzgerangel. Möhlmann ist dabei zwischen die Fronten geraten und dann im Laufe der Spielzeit von Uwe Rapolder ersetzt worden. Rapolder war ein Taktikfuchs. Der hat mir auch gefallen. Und so sind wir als Tabellenzweiter trotz allem aufgestiegen in die Bundesliga. Das war dann also bereits meine zweite Aufstiegsfeier: Mit der Eintracht in die zweite, mit Arminia in die erste Liga. Da ahnte ich noch nicht, dass schon ein Jahr später Aufstieg Nummer drei folgen sollte.
Sie sprechen über Ihren Wechsel zum 1.FC Köln. Obwohl mit Bielefeld aufgestiegen, entschieden Sie sich nicht mit aufzurücken, sondern in Köln nochmals durch die 2. Liga zu gehen. Warum?
Benschneider: Bielefeld war extrem klamm. Ich gehörte damals zu jenen Spielern, die am Markt einen Wert hatten und mit denen somit eine Einnahme erzielt werden konnte. Das wirkte alles sehr fragil damals in Bielefeld. Es hat mehrere Alternativen gegeben. Ich erinnere mich an Gespräche mit Bruchhagen bei Eintracht Frankfurt. Aber besonders intensiv und menschlich sehr speziell waren die Bemühungen des 1.FC Köln. Andreas Rettig hatte mir bereits in Trierer Tagen zugerufen, dass ihm mein Spiel gefallen würde. Und dann war da auch noch der große Wolfgang Overath. Der war damals Klubchef beim FC und tatsächlich hatte ich das Vergnügen aus dem Munde dieser großartigen Fußballer-Legende gebeten zu werden zum FC nach Köln zu kommen. Das hat was ausgemacht damals. Die Kölner hatten auch kein Problem damit ein paar hunderttausend Euro nach Bielefeld zu überweisen.
Ein Jahr später, also 2005, war es dann endlich so weit: Sie spielten in der 1. Bundesliga.
Benschneider: Ja, wieder aufgestiegen. Das dritte Mal in vier Spielzeiten. Irgendwie schien mit mir das Aufstiegsglück in ein Team zu kommen. Nun, Fußball und Köln – dies ist eine so intensive und euphorische Lebenskultur. Ich muss zugeben, dass ich mit meiner besonnenen und eher sachlich-unterkühlten norddeutschen Mentalität nicht in allen Belangen diesen Daueroptimismus teilen konnte. Fußball in Köln – das ist dort wie jeden Tag Karneval. Allerbeste Erinnerungen habe ich an Lukas Podolski. Er ist wohl der beste Fußballer, mit dem ich jemals in einem Team auf dem Spielfeld gemeinsam aktiv gewesen bin. Wofür „Poldi“ in Köln und darüber hinaus gestanden hat, muss ich bestimmt nicht weiter ausführen.
2006 war dann Schluss in Köln und Sie folgten dem Ruf des FC Augsburg, der soeben in die 2. Bundesliga aufgestiegen war. Warum dieser Schritt zurück?
Benschneider: Nun, erstens hat der FC die Bundesliga trotz Zauberkicker „Poldi“, trotz dreier unterschiedlicher Trainer und trotz jeder Menge Euphorie wieder nicht halten können. Zweitens hat dies wohl zu tun mit diesem Lebenskontrast: Nach zwei Jahren in einer extrem überhitzten Kölner Fußballwelt schien es mir, dass der FC Augsburg für mich eine ähnlich wohltuende Wirkung haben könnte wie dies zuvor bei der Trierer Eintracht der Fall gewesen ist. Und in der Tat war dies ja dann auch so. Und übrigens gab es noch einen dritten Aspekt, der für Augsburg gesprochen hat: Andreas Rettig, dessen großartige Solidarität zu seinem ausgewählten Trainer ich in Köln miterlebt hatte. Als Uwe Rapolder gefeuert worden war, ist Rettig freiwillig mitgegangen, weil er diese Entscheidung nicht mittragen wollte. Ist vorbildlich, doch sehr, sehr selten der Fall.
Sie haben auch drei Länderspiele für den DFB gemacht. Was stand hinter dem Namen „Perspektivteam 2006“?
Benschneider: In den Jahren 2003 bis 2005 sind hier gezielt Spieler getestet worden, die den deutschen Kader für die spektakuläre WM im Jahre 2006 in unserem Land bereichern sollten. Sportlich betreut wurde dieses Team von den DFB-Trainern Erich Rutemöller und Dieter Eilts. Meine Auftritte dort waren okay. Drei Spiele, zwei Siege, ein Remis. Doch den großen Sprung in die erste Garnitur schaffte ich leider nicht. Dies gelang stattdessen Tim Borowski, mit dem ich bereits einst gemeinsam im Jugendfußball beim 1.FC Neubrandenburg gespielt habe. Ja, mein alter Mecklenburgischer Landsmann hat mit seiner körperlichen Robustheit und Dynamik eine tolle Karriere gemacht.“
Wie geht es Ihnen heute? Sie sind zunächst im Fußballgeschäft geblieben. Waren aktiv im verantwortlichen Management des Fußballs der 3. Liga: bei der SV 07 Elversberg, bei Energie Cottbus und beim FSV Frankfurt. Als Inhaber der Trainer-A-Lizenz sind Sie seit einigen Jahren in Berlin als Ausbildungstrainer im Einsatz. Wie beim Berliner Fußball Verband und bei TeBe Berlin. Haben wir etwas vergessen?
Benschneider: In erster Linie bin ich glücklich verheiratet. Wir freuen uns über einen wunderbaren Sohn und leben im wasserreichen Berliner Ortsteil Kladow. Da ich parallel zum Fußball zwei Hochschulabschlüsse mit Bachelor und Master abschließen konnte, habe ich mich beruflich zunehmend vom Profifußball lösen können. War einige Zeit als Reha-Trainer aktiv und inzwischen habe ich die Chance genutzt, mir als Quereinsteiger im Sportunterricht des Schuldienstes ein neues Wirkungsfeld aufbauen zu können. Es handelt sich hierbei um eine Schule für Schüler und Schülerinnen mit psychischen und physischen Beeinträchtigungen. In jedem Arbeitstag steckt dort so viel Wertschätzung der Lernenden, wie ich dies im Fußball niemals angetroffen habe. Ich empfinde hier großes Glück.
Herzlichen Dank für unser Gespräch, Roland Benschneider.








